Zwanzig Jahre Planung seit der deutschen Wiedervereinigung

Sandra Huning, Thomas Kuder, Henning Nuissl, Uwe Altrock

Am 9. November 2009 feierte Deutschland das 20-jährige Jubiläum des Mauerfalls, am 3. Oktober 2010 wurde der 20. Jahrestag der Wiedervereinigung feierlich begangen. Grund genug für die Planungsrundschau, die Folgen von Mauerfall und Wiedervereinigung aus Sicht der Raumentwicklung und Raumplanung in den alten und neuen Bundesländern zu betrachten. Wie hat sich Planung in den letzten 20 Jahren gewandelt? Mit welchen alten und neuen Problemen ist sie heute konfrontiert? Welche Erfahrungen wurden gemacht, die unseren Blick auf die Raumplanung verändert haben; welche dieser Erfahrungen können für zukünftige Herausforderungen fruchtbar gemacht werden? Der vorliegende Sammelband hat einerseits das Ziel, ein Schlaglicht auf die Merkmale und die Besonderheiten der Raumentwicklung und -planung in der jüngeren Vergangenheit in Deutschland zu werfen – dies nicht zuletzt, um die gegenwärtige deutsche Raumplanung in ihren zeitgeschichtlichen Kontext einzuordnen und um planerische Entscheidungen, Diskurse und Akteurskonstellationen diesem Kontext nachzuvollziehen und zu verstehen. Anderseits will dieser Band Interpretationsangebote unterbreiten, die einen Zusammenhang zwischen gesellschaftlichen Rahmenbedingungen, Planungsproblemen und Handlungsoptionen herstellen und sowohl Planungstheorie als auch Planungspraxis zur Reflexion und zur Weiterentwicklung anregen sollen.

Entwicklungen in Ost und West

Es dürfte unbestritten sein, dass die deutsche Einheit – auch – mit Blick auf die Raumplanung ein hoch interessantes Realexperiment bedeutete. Die „Startprogrammierung“ der ostdeutschen Transformation mit Hilfe der „Steuerungsmedien“ Geld und Recht (Wiesenthal 1995) im Allgemeinen und der komplette, von flächendeckenden Akteurssubstitutionen flankierte West-Ost-Transfer von administrativen Strukturen und Institutionen im Besonderen hat für die ostdeutsche Raumplanung in den neunziger Jahren nahezu einzigartige Voraussetzungen geschaffen. Um nur einige der weitreichenden Konsequenzen, die sich hieraus für die ostdeutsche Raumplanung ergaben, zu nennen:

Aber auch die Raumplanung im Westteil des Landes unterlag nach der deutschen Einheit einem fundamentalen Wandlungsprozess:

Abschließend sei auf die in Mittelosteuropa durch das Ende des Kalten Krieges ausgelösten Veränderungen hingewiesen, die Deutschland in die Mitte der wirtschaftlichen Globalisierung katapultierten und nach der Eröffnung von Unternehmensdependancen westdeutscher Konzerne in den Neuen Ländern zur Auslagerung wertschöpfungsschwacher Unternehmensteile ins Ausland beschleunigten, lange bevor hier China eine wesentliche Rolle zu spielen begann. Der dadurch in den Städten sichtbare Strukturwandel hat sich gerade in vorher vergleichsweise stabilen industrialisierten Städten und Regionen gezeigt, die nicht mit Kohle und Stahl zu tun haben, aber heute mit dem Niedergang ehemals wichtiger Branchen umgehen müssen. Dies zeigt sich insbesondere auch im Stadtumbau West, wo für einige der hierbei entstandenen Industriebrachen Umnutzungskonzepte entwickelt wurden und werden. Parallel ist hier auch auf die Militärkonversion hinzuweisen.

Die skizzierten, tiefgreifenden Veränderungen, die die deutsche Raumplanung in den vergangenen 20 Jahren kennzeichneten, sind – insbesondere was den Westen des Landes angeht – selbstverständlich nicht ausschließlich auf den Einigungsprozess zurückzuführen. Vielmehr ist es in vielen Fällen kaum möglich, Entwicklungen, die durch die Wiedervereinigung angestoßen oder bedingt wurden, von den generellen Trends in der räumlichen Planung zu trennen. Da jedoch grundsätzlich unbestritten sein dürfte, dass sich in der Folge der deutschen Einheit Raumplanung unter ganz neuen Vorzeichen bewähren musste – und da, im globalen Maßstab betrachtet, auch die deutsche Einheit „lediglich“ Ausdruck desselben umfassenderen gesellschaftlichen, ökonomischen und politischen Prozesses ist, nämlich des Kollaps des real existierenden Sozialismus und der Heraufkunft einer neuen Weltordnung, der auch die Makrotrends im Planungsdiskurs und -geschehen in der jüngeren Vergangenheit maßgeblich bestimmt hat –, ist es im Rahmen einer Reflexion des deutschen Planungsgeschehens nach 1989 nicht nur unmöglich, sondern auch entbehrlich, Einflüsse des Einigungsgeschehens und sonstige Faktoren immer sauber auseinanderzuhalten.

In jedem Fall lässt sich in der Rückschau konstatieren, dass die Raumplanung nach dem Ende der Systemkonfrontation in Ost- und Westdeutschland – erwartungsgemäß – deutliche Unterschiede aufwies. Die jeweils spezifischen raumordnerischen und – vor allem – städtebaulichen Herauforderungen riefen unterschiedliche politische und planerische Reaktionen hervor. Zugleich setzten sich in den neuen Bundesländern weithin Deutungs- und Handlungsschemata durch, die auf Erfahrungen in der alten Bundesrepublik beruhten und eine „nachholende Modernisierung“ in den neuen Bundesländern (nach dem Vorbild der alten) erwarteten. Diese Hoffnungen auf die Replizierbarkeit eines (vermeintlichen?) Erfolgsmodells erfüllten sich jedoch in vielerlei Hinsicht nicht – zu sehr hatten sich die Auspizien verändert, unter denen sich räumliche Entwicklungsprozesse in Mitteleuropa nunmehr vollzogen. Hinzu kam, dass – in beiden Teilen Deutschlands – die Persistenz und Prägekraft personeller und soziokultureller Kontinuitäten vielfach massiv unterschätzt wurde, so dass das im Wesentlichen deutschlandweit einheitliche Set von formellen Institutionen des räumlichen Planens in durchaus unterschiedlicher Weise konkrete Wirksamkeit entfaltete. Häufig wurden vor diesem Hintergrund Sachzwänge definiert, akzeptiert oder gar konstruiert, die weitere Sachzwänge nach sich zogen und Pfadabhängigkeiten schufen, die es bis heute vielfach sehr schwer machen, die vor zehn, fünfzehn oder zwanzig Jahren eingeschlagenen Pfade zu verlassen.

Mit Blick auf die vor 20 Jahren formulierten Ziele der Raumentwicklung für die neuen Bundesländer lassen sich heute viele „Erfolge“ konstatieren – z. B. was die Ausstattung mit Gütern und Dienstleistungen, Infrastrukturstandards oder die Umweltqualität betrifft. Mit dem heutigen Wissen würden einige Entscheidungen heute möglicherweise anders getroffen als damals; andere haben sich bewährt und finden nach wie vor breite Anerkennung.

Folgen der Ausgestaltung der Wiedervereinigung für die Wohnungspolitik und die Stadtentwicklung

Im Folgenden sollen die Entwicklungen stellvertretend für die Veränderungen der Wohnungspolitik näher skizziert werden. Sie zeigen die komplexen Folgen, die durch den Vereinigungsprozess ausgelöst wurden, besonders deutlich auf. Dem gesellschaftlichen und auch planungspolitischen Umbruch in Ostdeutschland 1989/90 stand hohes Maß an planungspolitischer Kontinuität vor allem im Umgang mit den bestehenden Großsiedlungen in Plattenbauweise gegenüber. Trotz planungspolitischer Neuorientierung wurden diese auch weiterhin als zentraler Bestandteil der ostdeutschen Stadtentwicklung akzeptiert. Übergangslos war man - vor dem Hintergrund der frischen Erfahrungen mit der Aufwertung von Großsiedlungen in den Alten Ländern - bereit, in hohem Maße öffentliche Finanzmittel zu deren qualitativer Weiterentwicklung bereitzustellen.Ein vertiefender Blick auf die Hintergründe dieser planungspolitischen Kontinuität lässt allerdings im Nachhinein gewisse Zweifel an der Rationalität dieses folgenreichen Prozesses aufkommen.

Ein ganz entscheidender Faktor für diese zunächst recht selbstverständlich anmutende, kontinuierliche Fortsetzung im Umgang mit den Großsiedlungen dürfte in der gesellschaftspolitisch begründeten und wirtschaftlich vollzogenen In-Wert-Setzung vor allem der letzten Generation von DDR-Neubauten in Plattenbauweise zu suchen sein, die über die so genannte Altschuldenregelung in den frühen 1990er Jahren erfolgte. Dieser komplexe Erklärungszusammenhang gestaltete sich ungefähr wie folgt (Borst 1996:108f., Häußermann 1996:298ff.). Die über den Staatshaushalt der DDR von der DDR-Staatsbank für den Wohnungsbau nur bilanztechnisch finanzierten Wohngebäude mussten zu Beginn der 1990er Jahre jedoch als marktwirtschaftliche Kredite interpretiert und entsprechend umgewidmet und mit einer angemessen erscheinenden Verzinsung versehen werden. Man ging davon aus, dass die dabei entstehenden Zinsen durch die Mieteinnahmen bezahlt und die Kredite im Lauf der Zeit getilgt werden könnten.

1990 hatten sich die gesamten Verbindlichkeiten für diese Wohnungsbestände auf rund 36 Mrd. DM belaufen. Die Wohnungen, die im Zuge der post-sozialistischen Transformationsprozesse überwiegend in kommunales und später marktwirtschaftlich gehandeltes Eigentum überführt worden waren, wurden auf diese Weise mit erheblichen Krediten belastet. Dies stellte eine nicht unerhebliche wirtschaftliche Herausforderung für die wohnungswirtschaftlichen Unternehmen dar, deren Schulden auch weiter stiegen.

Damit die Großsiedlungen im ungewohnten wohnungswirtschaftlichen Wettbewerb bei schwierigen Ausgangsbedingungen (ungünstige Lagebedingungen, Modernisierungssachzwänge, Wettbewerb mit Einfamilienhäusern) bestehen konnten, wurde 1993 von politischer Seite aus das Altschuldenhilfegesetz (AHG) verabschiedet, das einen teilweisen Schuldenerlass unter komplexen Auflagen bedeutete. Neue Schulden sollten dagegen später aus den Mieteinnahmen der Wohnungsunternehmen finanziert werden. Die Wohnungsunternehmen mussten sich überdies verpflichteten, ihre Wohnungsbestände umgehend instand zu setzen und zu modernisieren sowie 15% ihrer Bestände vorrangig an die Mieterschaft zu veräußern.

Die gesellschaftspolitisch und auch wirtschaftlich durchaus nachvollziehbare Überführung von buchhalterischen Haushaltspositionen eines Staatshaushaltes in marktwirtschaftliche Kredite sorgte somit dafür, dass ein späterer städtebaupolitischer Kurswechsel, aus welchen Gründen oder Zwängen heraus auch immer, im Rahmen der Transformationsprozesse deutlich erschwert worden war. In der Folge wurde im Rahmen der Städtebauförderung ein neuer Programmbereich „Städtebauliche Weiterentwicklung großer Neubaugebiete“ aufgelegt, etwa um weit reichende Wohnumfeldverbesserungen und eine Aufwertung der Infrastruktur durchzuführen. Die politisch gewünschte Privatisierung wurde so zusätzlich attraktiver gemacht.

Durch den endgültigen Zusammenbruch der DDR-Wirtschaft kam es zu Abwanderungswellen, der letztlich millionenstarke Bevölkerungsverluste in den ostdeutschen Städten zur Folge hatte. Er war in seiner Tragweite zu Beginn der 1990er Jahre, als die aufgeführten planungspolitischen und wohnungswirtschaftlichen Weichenstellungen erfolgten, anscheinend nicht erwartet worden. Er machte allerdings den wohnungswirtschaftlichen und planungspolitischen, durch Sachzwänge gestärkten Überlegungen und Transformationskonzepten nicht nur einen gründlichen Strich durch die Rechnung, sondern ließ auch ein grundlegendes programmatisches Umdenken zwingend notwendig erscheinen.

Trotz vielfältiger Subventionen kämpften die Wohnungsgesellschaften schließlich mit erheblichen Leerständen von teilweise bis zu 30 % sowie mit enormen wirtschaftlichen Verlusten. Im Rahmen der 2. Novellierung des Altschuldenhilfe-Gesetzes und der darauf basierenden Altschuldenhilfeverordnung wurden im Jahre 2000 nach vorherigen Einstellung der geförderten Aufwertung weitere Entlastungen für die Altschulden festgelegt, um Wohnungswirtschaft und Wohnungsmarktes zu stabilisieren. Jetzt waren die Hilfen allerdings an den Rückbau von Wohnraum gekoppelt. Fördervoraussetzung war nun, dass die beantragenden Wohnungsunternehmen jeweils durch eine Leerstandsquote von mindestens 15 Prozent in ihrer wirtschaftlichen Existenz bedroht waren und ein tragfähiges, städtebauliche Aspekte berücksichtigendes Sanierungskonzept vorgelegt werden musste. Mit den Empfehlungen einer „Expertenkommission Wohnungswirtschaftlicher Strukturwandel in den neuen Bundesländern“ wurde kurz danach das Förderprogramm „Stadtumbau Ost“ geboren. Es sah u.a. den geförderten Abriss von rd. 350.000 Wohneinheiten vor allem in den von Schrumpfung betroffenen Städten vor. Immer öfter wurde allerdings bereits zu dieser Zeit in darauf hingewiesen, dass der Rückbau im Rahmen des Stadtumbaus kaum noch ein erneutes Ansteigen der Leerstände verhindern könne. Bis heute ist das Problem nur teilweise und vorläufig gelöst.

Mit der schnellen gesellschafts- und planungspolitischen Weichenstellung zu Beginn der 1990er Jahre entstanden also später kaum noch zu zügelnde Sachzwänge und Folge-Sachzwänge für die zukünftige Entwicklung, die sich seitdem in ihren Wirkungen noch verstärkt haben. Die wirtschaftliche In-Wert-Setzung der Großsiedlungen im Zuge der Transformationsprozesse sowie die Übertragung der anfänglich noch recht überschaubaren Schuldenlast auf die Wohnungsunternehmen im nachfolgenden Pulverdampf kaum berechenbarer gesellschaftlicher Entwicklungs- und Verwerfungsprozesse (insbesondere der Schrumpfungsproblematik), sind für den Staat, die Kommunen und die Wohnungswirtschaft zugleich zu einem finanz- und förderpolitischen Fass ohne Boden geworden und haben hohe Folgekosten hervorgebracht. Und es ist sogar nicht auszuschließen, dass heute oder in absehbarer Zukunft bereits die Abrisshand an die in den 1990er Jahren aufwändig sanierten Plattenbauten angelegt werden muss.

Zu erwähnen sind an dieser Stelle auch die städtebaulichen Verwerfungen, die diese Entwicklung vielfach nach sich gezogen haben. Man denke an den aus strategischem Interesse heraus bis heute andauernden Abriss gründerzeitlicher Gebäude und vorstädtischer Siedlungen der zwanziger und dreißiger Jahre oder die verworrenen, keinesfalls mehr als rational zu bezeichnenden städtebaulichen Konfigurationen, die sich in den teils zurück gebauten, teils sanierten, teils belassenen Gebäuden der Großsiedlungen finden, die oftmals einen strukturierten, auch infrastrukturell sinnvollen Stadtrückbau von außen nach innen schwierig oder gar unmöglich machen.

Mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit hätten sich diese vielschichtigen Verwerfungen deutlich abmildern lassen. So hätte beispielsweise auch eine vollständige Altschuldentilgung durch den Bund zu Beginn der 1990er Jahre langfristig sehr viel mehr strategischen Entwicklungsspielraum entstehen lassen, mit dem man einem alles umfassenden, kaum berechenbaren gesellschaftlichen Wandel angemessen und rational hätte begegnen können. Welche Möglichkeiten ein anderer wirtschaftspolitischer Weg hätte bringen können, darüber wird wohl noch länger spekuliert werden. Jedenfalls bleibt selbst bei differenzierter Betrachtung der Bevölkerungsdynamik in der DDR vor der Vereinigung festzuhalten, dass der willentlich radikale Umbauprozess der DDR-Wirtschaft und dessen Ausgestaltung einiges dazu beigetragen haben, dass bis heute stadtplanerischer Handlungsbedarf in schrumpfenden Städten besteht, den zuvor kaum jemand geahnt hätte.

Die Beiträge

Die Beiträge nehmen vor allem die Veränderungen in Ostdeutschland exemplarisch in den Blick. Hierzu hat uns der damalige DDR-Bürgerrechtler und heutige Zeithistoriker Dr. Ehrhart Neubert eine knappe Einführung in die komplexe Thematik und zugleich eine Zusammenfassung der Ereignisse rund um die friedliche Revolution in der DDR von 1989 bis hin zur deutschen Wiedervereinigung im Jahr 1990 zur Verfügung gestellt. Seine Schilderung der vielschichtigen Ereignisse und politischen Prozesse vom Übergang der DDR hin zur heutigen Bundesrepublik Deutschland bildet einen unverzichtbaren historischen Hintergrund und damit zugleich einen gesellschaftspolitischen Grundstein, auf dem die einzelnen Beiträge dieses Bandes, die sich vor allem mit der Folgezeit dieses Umbruchs befassen, letztendlich aufbauen.

In seinen Reflexionen zur Raumplanung nach 1989 führt Harald Kegler eindrücklich vor Augen, dass das ostdeutsche Planungsgeschehen der jüngeren Vergangenheit nur im Kontext der tiefgreifenden Transformationsprozesse verstanden werden kann, denen die neuen Bundesländer unterworfen waren. Dabei zeigt er, dass das Planungsvakuum – die „Planlosigkeit“ – der frühen neunziger Jahre nicht allein ein Defizit an staatlicher Steuerung implizierte, sondern auch gleichsam schöpferische Potentiale freisetzte. Insofern könnten, so argumentiert Kegler, gerade die ostdeutschen Planungserfahrungen auch Vorbild dafür sein, wie die Raumplanung die gewaltigen Herausforderungen meistern kann, denen sie sich absehbar gegenübersieht – Herausforderungen, die der Raumplanung mindestens viel Flexibilität und Innovationskraft abverlangen wie die schlagartige Anpassung der ostdeutschen Planungsinstitutionen an die westdeutschen.

An diese Einführungen schließen sich mehrere Beiträge an, die ihren Schwerpunkt auf die Rolle der Städte und der Stadtentwicklung legen und dabei vor allem Ostdeutschland betrachten, aber auch einen Ausblick in die mittelosteuropäischen Nachbarländer wagen. Ostdeutsche Mittelstädte hatten nach der Wiedervereinigung die schwierige Aufgabe einen umfassenden, mitunter ihre Existenz bedrohenden Strukturwandel zu bewältigen. Holger Leimbrock hat bei seinen Untersuchungen zur Steuerung von Stadtentwicklungsprozessen in ostdeutschen Mittelstädten festgestellt, dass sich bei der mit vielfältigen Brüchen versehenen Entwicklung von Problemlösungsstrategien verschiedene Elemente aus plan- und marktinduzierten Steuerungsprozessen vermischt haben. Im Lauf der Zeit lassen sich dabei verschiedene Lern- und Modifizierungsphasen unterscheiden, die er zum zentralen Gegenstand seiner hier vorgelegten Analysen gemacht hat.

Dietrich Henckel beschreibt in einem sehr persönlichen Bericht den Prozess der Annäherung zwischen west- und ostdeutschen Planern in der direkten Nachwendezeit sowie den Fortbestand von Kontakten in den Jahren danach insbesondere im Zusammenhang mit Untersuchungen zu Entwicklungschancen deutscher Städte. Er verweist auf die hohe Bedeutung kultureller Barrieren und verschiedener individueller und kollektiver Erfahrungen, die trotz oder möglicherweise auch gerade wegen derselben Sprache aller Beteiligten deutlich wurden. So wurde die Zusammenarbeit zu einem gegenseitigen Lernprozess, der auch in der Folgezeit fortgesetzt werden konnte und über die unmittelbare Projektarbeit hinaus Bestand hatte.

Thilo Lang befasst sich in seinem Beitrag mit einem der wichtigsten ostdeutschen Entwicklungsprozesse nach der friedlichen Revolution von 1989. Die Rede ist von den fast flächendeckend zu konstatierenden Schrumpfungsprozessen der letzten Dekade. Lang nimmt die weit reichenden Verwerfungen als Ausgangspunkt dafür, die Entwicklung der begleitenden Schrumpfungsdiskurse in Wissenschaft und Forschung zu beleuchten und künftige Perspektiven im Übergang zwischen dem vornehmlich auf Ostdeutschland bezogenen Schrumpfungsdiskurs und dem heute eher auf Globalisierungstrends bezogenen Peripherisierungsdiskurs auszuloten. Zum Abschluss zeigt er auf die englische Theorietradition rekurrierend auf, wie durch die Institutionentheorie der Diskurs zur Peripherisierung und zu deren Überwindung befördert werden kann.

Wolfgang Weiß befasst sich in seinem detaillierten Beitrag mit der demographischen Entwicklung in Mecklenburg-Vorpommern vor und nach 1989 sowie mit den einschlägigen Prognosen zur Bevölkerungsentwicklung der kommenden Jahre. Unter Bezug auf das Planungsinstrument der Integrierten Stadtentwicklungskonzepte (ISEK), dem insbesondere im Programm Stadtumbau Ost der Städtebauförderung eine wichtige Funktion zugesprochen wird, verdeutlicht er aus einer fachspezifischen, demographischen Perspektive heraus die vielschichtigen Auswirkungen der aktuellen und zukünftigen demographischen Entwicklung in den Städten und Regionen Mecklenburg-Vorpommerns auf unterschiedlichste Bereiche des städtischen und regionalen Lebens sowie die daraus abzuleitenden Wechselbeziehungen.

Der Beitrag von Florian Koch basiert auf seiner kürzlich abgeschlossenen Dissertation und hat die Analyse postsozialistischer Stadtplanungspraxis und Stadtentwicklungspolitik in Ostdeutschland und osteuropäischen Nachbarländern zum Gegenstand. Ausgehend von den Stadtentwicklungsprozessen ausgewählter osteuropäischer Großstädte werden unter Bezug auf die Transformations- und Governance-Forschung die sich herauskristallisierenden Charakteristika und die Unterschiede zwischen den Fallbeispielen aufgezeigt und die Sonderrolle Ostdeutschlands herausgearbeitet. Der Beitrag geht insbesondere der Frage nach, ob „der Osten“ zukünftig einfach zum „Westen“ wird, oder ob nicht vielmehr die Entwicklung in Osteuropa eine Vorreiterrolle für die westeuropäische Entwicklung haben wird.

Der zweite Beitragsblock nach den Einführungen ist Themen der Raumordnung und Regionalplanung gewidmet. Christian Diller zeichnet in einem großen Überblick die Übertragung des westdeutschen Systems der Regionalplanung auf die neuen Bundesländer. Er geht insbesondere darauf ein, wie die ostdeutschen Bundesländer Innovationen aus dem Westen adaptierten und in je eigener Weise und mit unterschiedlichen Erfolgen weiterentwickelten. Besonderes Augenmerk legt er auf die Gemeinsame Landesplanung Berlin-Brandenburg. Bei überwiegenden Gemeinsamkeiten zwischen West und Ost zeigt er auf, dass die Unterschiede inzwischen quer dazu liegen und angesichts anstehender Generalthemen der Raumordnung, dem demographische Wandel und dem Klimawandel zumindest einige ostdeutsche Bundesländer Erfahrungsvorsprünge aufweisen, von denen auch die westdeutschen Raumordnungen profitieren könnten.

Philipp Zakrzewski vertieft die Betrachtungen zum Raum Berlin-Brandenburg weiter. Er konstatiert, dass sich das schwierige Verhältnis von Berlin und Brandenburg inzwischen verbessert hat, was angesichts der unterschiedlichen Interessen der beiden Bundesländer unmittelbar nach der Vereinigung noch ein langer Weg zu sein schien. Aus einer übergreifenden Perspektive sieht er Anzeichen für eine Entwicklung vom „fürsorgenden“ zum „aktivierenden Staat“ auch in der Landesplanung. Er verweist auf in der Metropolregion verfolgte alternative Entwicklungskonzepte, die statt auf eine unspezifische infrastrukturbezogene Förderung auf endogene Potenziale, weiche Standortfaktoren und die lokalen Akteure setzen

Isolde Roch hinterfragt die Einlösung der Entwicklungsziele ostdeutscher Regionen der 1990er Jahre anhand einer Evaluationsforschung des IÖR am Beispiel der regionalen Teilräume Industrie- und Bergbaugebiete, Mittelstädte und Verflechtungsbereiche sowie Freiräume/Brachen im städtischen Verflechtungsraum mit Blick auf die Ausgangssituation der DDR. Ausgehend von den Megatrends Ökologisierung, Individualisierung und Globalisierung sowie dem Transformationsprozess werden die Veränderungen in den Raumstrukturen erörtert. Abschließend diskutiert sie mögliche Perspektiven nachhaltiger Entwicklung und weiterführende Ansatzpunkte strategischer Regionalentwicklung in Bezug zur Leitvorstellung gleichwertiger Entwicklung.

Der Beitrag von Nadin Gaasch und Thomas Weith in diesem Band beschäftigt sich mit der Frage, ob in Schrumpfungsregionen tatsächlich noch ausreichend Humankapital vorhanden ist, um solche akteurszentrierten Ansätze der Regionalentwicklung erfolgreich durchführen zu können. Es sollte jedenfalls vermieden werden, dass sich die öffentliche Hand, mit einem Hinweis auf ihre Bemühungen um die Aktivierung der endogenen Potenziale, aus ihrer Verantwortung zurückzieht und der Handlungsauftrag mehr und mehr auf die Zivilgesellschaft übergeht. Denn eine erfolgreiche Regionalentwicklung basiert auf dem synergetischen Zusammenwirken öffentlicher, privatwirtschaftlicher und zivilgesellschaftlicher Akteure.

In einem dritten Block werden einige Schlaglichter auf die Infrastrukturplanung in Ostdeutschland seit 1990 geworfen. Das moderne Infrastruktur-Ideal als planerisches Leitbild hinterfragen Sandra Huning und Matthias Naumann am Beispiel der Entwicklungen in der Brandenburger Wasserwirtschaft nach 1990. Sie zeigen, dass genau dadurch, dass der umfassende, standardisierte und zentralisierte Infrastrukturausbau in Hinblick auf Anschlussgrade und Qualitätsstandards so erfolgreich war, die ursprünglich damit verknüpften Ziele der ökonomischen und sozialen Integration aus heutiger Sicht verfehlt wurden. Angesichts neuer technischer Entwicklungen und institutioneller Anforderungen diskutieren sie mögliche Konsequenzen für die Infrastrukturplanung.

Anhand seiner persönlichen Erfahrungen mit der Verkehrsplanung im Land Sachsen-Anhalt schildert Helmut Holzapfel, wie überraschend sich das Planungsgeschehen in den neuen Bundesländern in den neunziger Jahren vielfach entwickelte. Er zeigt, wie schwierig es mitunter war, den „gut gemeinten“ Ansatz zu verfolgen, Fehler, die „im Westen“ gemacht worden waren, nicht zu wiederholen, weil dieser Ansatz mit einem übermächtigen Modernisierungs- und „Nachholungs-“ Imperativ konkurrierte. Deutlich wird in Holzapfels Beitrag aber auch, dass dieser Ansatz stellenweise dennoch bemerkenswerte Früchte trug.

Der Band wird abgerundet durch einen Beitrag von Gisela Schmitt zur Hochschulausbildung für Stadtplanerinnen und Stadtplaner. Sie konstatiert im Spiegel neuer gesellschaftlicher Herausforderungen eine wiedererstarkte Bedeutung räumlicher Planung, während gleichzeitig der Bolognaprozess zu einer Ausdifferenzierung der Studiengänge geführt hat. Die dadurch ausgelöste Reflexion über Inhalte und Standards in der Ausbildung führt die Autorin zu einem Plädoyer für die gelassene Auseinandersetzung mit dem Berufsbild und der Aufforderung, die kontinuierliche Weiterentwicklung von Planungsinhalten im Spiegel gesellschaftlichen Wandels gerade in ihrer Prozesshaftigkeit als Chance zu betrachten.

Zur Auflockerung der vielfältigen, manchmal eher textlastigen Materie haben wir – nicht näher mit Bildunterschriften gekennzeichnete - Fotos der Herausgeber in den Band gestreut, die ein wenig Stimmungen in den behandelten Regionen vor 20 Jahren und heute sinnlich näher bringen sollen. Wir hoffen, dass vor allem durch die Sammlung von Beiträgen die Diskussion um die Bewertung und die Zukunft der Stadt- und Regionalentwicklung im vereinigten Deutschland stimuliert werden möge. Über Rückmeldungen freuen wir uns ganz besonders.

Literatur

Borst, Renate (1996): Volkswohnungsbestand in Spekulantenhand? In: Häußermann Hartmut, Neef Rainer (Hrsg.): Stadtentwicklung in Ostdeutschland. Soziale und räumliche Tendenzen. Wiesbaden
Coles, Tim (1997): Trading places: The evolution of the retail sector in the new German Länder since unification. In: Applied Geography, Heft 4, S. 315-333
Häußermann, Hartmut (1996): Von der staatlichen zu einer marktwirtschaftlichen Wohnungsversorgung. In: Strubelt, Wendelin u.a. (Hrsg.): Städte und Regionen – Räumliche Folgen des Transformationsprozesses. Opladen